Reden

Werner Lauff

Konsolidierung im Kabelmarkt – Chancen und Perspektiven
Vortrag bei der Mitgliederversammlung des FRK am 5. Oktober 2015 in Leipzig

Meine Damen und Herren,

ich habe mich in den vergangenen Tagen gefragt, welches Bild ich eigentlich vor Augen habe, wenn ich das Wort „Kabelnetzbetreiber“ höre. Denke ich dann zuerst an John Malone und Liberty Global? Oder an Vodafone und Kabel Deutschland? Oder an Tele Columbus und Primacom?

Es klingt wie Schmeichelei, ich weiß. Aber zuerst fallen mir lokale und regionale Kabelnetzbetreiber ein. Das muss damit zusammen hängen, dass man das, was man im Leben zuerst sieht, besonders stark ins Herz schließt. In meinem politischen Leben sah ich zuerst Heinz Jürgen Bien, Volker Remme und Günter Rehnig, damals im Jahr 1982. Pioniere, die gerade von der Großgemeinschaftsantennenanlage aufs Kabelfernsehen umstiegen. Ich war Assistent des medienpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag und war mit dem Auftrag unterwegs, bei der Einführung von Fernsehvielfalt behilflich zu sein. Das Kabel war für uns der Hebel zur Einführung des Privatfernsehens. Freilich waren wir auch noch ein wenig skeptisch. Würde es wirklich möglich sein, durch einen einzigen ummantelten Draht mehrere Fernsehprogramme zu transportieren? Ein Ausschussmitglied im Bundestag bestritt das vehement. Unter zwei Drähten ginge das nicht. Das habe er im Experimentierkasten Kosmos Elektromann überprüft. Doch Bien, Remme und Rehnig versicherten: Es geht.

Damals fiel bei vielen Konferenzen mit Christian Schwarz-Schilling, Dieter Weirich und Hans Hugo Klein aber auch eine politische Entscheidung. Das war sozusagen der Kabel-Doppelbeschluss. Wir wollten erstens die damals 5.000 Antennenbauer in Deutschland nicht arbeitslos machen. Und wir wollten zweitens nicht, dass die staatliche Bundespost Zugang zu jedem Haushalt bekommt. So kam es zur Trennung der Netzebenen 3 und 4.

Natürlich ahnten wir damals noch nichts davon, dass die Deutsche Bundespost einmal zur Telekom werden und zum Verkauf der Kabelnetze gezwungen sein würde. Dass dann internationale Nachfolger kommen würden wie Richard Callaghan und Gary Klesch. Und dass die kurz darauf auch schon wieder weg sein würden.

Von 1982 bis heute haben die Kabelnetzbetreiber in den Regionen, vor allem wenn sie nicht nur die NE4 besaßen, zwei Notwendigkeiten erkannt: Die eine bestand in der des Zusammenschlusses zu Verbänden. Wem sage ich das, hier beim FRK – Sie sind ja die Konstante in der Kabelwelt. Wenn Politiker, Fernsehsender oder Netzbetreiber Märkte aufteilen wollen und dabei die Kabler vor Ort vergessen, sind Sie mahnend und manchmal sogar klagend zur Stelle. Ihre prägnanten Stellungnahmen etwa zu Arena und zur Grundverschlüsselung sind mir noch gut in Erinnerung. Aktuelle Themen wie die Einbeziehung kleiner Kabelunternehmen in die Netzallianz, die Kritik an solchen Maßnahmen der Breitbandförderung, die allenfalls kurzfristige Wirkung haben, und Ihren Widerspruch gegen das, was man einen vom Kartellamt kuratierten Ablasshandel nennen könnte, verfolge ich immer noch intensiv.

Die zweite Notwendigkeit war die, unternehmerische Gemeinschaftslösungen zu finden. Im Fernsehbereich war das zwar eine Herausforderung, aber ich denke eine zu bewältigende Herausforderung. Man brauchte Free-TV-Pakete, etwa von Eutelsat Visavision, musste sehen, dass man einen guten Marketingvertrag mit Sky schloss, organisierte fremdsprachiges Fernsehen, verhandelte Rahmenverträge mit der Gema und der VG Media, organisierte die Zusammenarbeit mit HD+.

Inzwischen hat sich die Welt geändert. Das Kabelgeschäft ist komplexer geworden. Und die Wirtschaftsnachrichten sind voll von Meldungen über Fusionen und Übernahmen im Kabelbereich. Aus Kabel Deutschland wird Vodafone. Liberty kauft Virgin. Ziggo gehört jetzt Malone. TeleColumbus schluckt Primacom. Vodafone erwirbt Ono. TeleColumbus akquiriert Pepcom. Altice krallt sich Cablevision. Telekom Austria übernimmt Blizoo. Liberty buys Choice. Vodafone und Liberty verhandeln ergebnislos über einen Assetdeal.

Schlagzeilen wie diese werden wir besonders in Europa immer häufiger lesen, wo es noch nahezu 7.000 Kabelnetzbetreiber gibt. Viele sagen, nur zunehmende Unternehmensgröße erlaube es, die Herausforderungen des Marktes zu bewältigen.

Ich bin gebeten worden, die Chancen und Perspektiven der Konsolidierung im Kabelmarkt (so der Titel meines Vortrags) ein wenig näher zu beleuchten, wohl wissend, dass jeder von Ihnen natürlich selbst entscheiden muss, für wie relevant er diese Herausforderungen hält und ob sie nur weitere Formen der Zusammenarbeit oder grundlegende strukturelle Veränderungen notwendig machen.

Die vielleicht größte Herausforderung, vor der die Branche steht, ist der steigende Bandbreitenbedarf. Noch vor wenigen Jahren hing an einem Kabelmodem in der Regel nicht mehr als ein PC. Heute ist das ganz anders. Es ist keine Seltenheit, wenn in einem Haushalt mehrere Laptops, Tablets und Smartphones parallel über WLAN auf einen Router zugreifen, gleichzeitig SmartTV und der Amazon Fire TV Stick Daten saugen, Sonos Musik von Deezer abspielt, Apple TV Fotos zeigt, Dropbox Daten verteilt, Windows updated, WhatsApp Messages hereinschaufelt und die durch einen Bewegungsmelder ausgelöste Überwachungskamera von Netgear ein HD-Video auf dem Server ablegt, weil sich die Katze soeben im Blumenbeet wälzt.

Das Internet der Dinge, Cloud Computing, Streaming Media und Software as a Service sind längst keine Hype-Worte mehr. Die Spirale des Datenhungers dreht sich immer schneller. Das Netzbetreiberdilemma wird offensichtlich: Hohe Bandbreite ermöglicht immer mehr innovative Dienste, innovative Dienste verlangen immer höhere Bandbreite.

Diese Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende. Zeitversetztes Fernsehen, Flatfees für Video on Demand, die Nachfrage nach 4K UHD und zukünftig 8K TV-Qualität, die individuelle Übertragung von Videos, das alles nimmt rasant zu. In zwei Jahren, sagt Cisco, wird 73 Prozent des gesamten IP-Verkehrs auf Videos entfallen.

Dabei sind fast immer geringe Latenz und ein unterbrechungsfreier Datenstrom notwendig. Und zwar auch dann, wenn es einen einzigen Router gibt, an den Fernseher, Spielkonsolen, der Sky-Festplattenreceiver und ein Inhouse-Powerline angeschlossen sind und auf den noch drei bis neun Endgeräte per WLAN zugreifen.

Zwar sind Kabelnetzbetreiber bandbreitentechnologisch gesehen gut aufgestellt. Mit dem DOCSIS Standard bieten sie schon jetzt überdurchschnittlich hohe Datenraten und verfügen über erhebliche Aufrüstungsreserven. Da haben es DSL-Anbieter, die mit Vectoring quasi das Letzte aus der Kupferdoppelader herauspressen, perspektivisch viel schwerer. Sie forcieren damit eine Übergangstechnologie. Und der Staat fördert das auch noch.

Dennoch werden die Maßstäbe der nächsten Jahre nicht 40 oder 100 Megabit pro Sekunde sein. Wir sind auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft. Viele warnen davor, die Förderverfahren von Bund und Ländern auf Bandbreiten, Technologien und Methoden anzuwenden, die nachher wieder überbaut werden müssen, weil sie nur kurze Zeit ausgereicht haben.

Letztlich sind sich alle einig: FTTC ist nicht genug. Wir brauchen Fiber to the Building, noch besser Fibre to the Home. Das ruft einen erheblichen Kapitalbedarf hervor. Dieses Kapital wird lange gebunden sein, länger als übliche Tilgungsfristen dauern. Denn einfach auf die Nutzer umlegen kann man diese Kosten nicht. Kunden wollen immer mehr Daten und immer mehr Datenstabilität bei gleichbleibendem Monatsentgelt. Ihnen hilft dabei, dass der Wettbewerb der Netze größer geworden ist, weil sich die technischen Möglichkeiten angleichen. Niemand hätte vor einem Jahrzehnt geglaubt, dass man mal über DSL Live-TV empfangen und über Mobilfunknetze Videos anschauen könnte.
Die Notwendigkeit, immer mehr Bandbreite und immer mehr unterbrechungsfreie Datenströme zu schaffen, und zwar auf Basis haushaltsnaher Glasfaserendpunkte, ist aus meiner Sicht der erste Grund, warum kleine Kabelunternehmen größer werden müssen.

Meine Damen und Herren,

das ursprüngliche Geschäftsmodell vor allem der größeren Kabelnetze bestand im Doppelentgelt für den Fernsehsignaltransport. Die Kunden zahlten für die Anschlüsse, die Sender (zumindest in vielen Netzen) für die Einspeisung. Dass das ein äußerst lukratives Geschäft war, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Je mehr Veränderungen es in der Medienlandschaft gab, um so lukrativer wurde es. Die Fernsehnutzung stieg, die Zahl der Zweitgeräte nahm zu, digitale Inseln im analogen Spektrum entstanden, Pay TV kam auf, Spartenkanäle wurden erfunden und Teleshopppingsender buhlten um Kanäle. All das trieb die Endkunden zu den Kabelnetzen, die Sender brachten Geschenke mit und für die Wohnungswirtschaft ging am langfristigen Gestattungsvertrag kein Weg vorbei.

Dann kam eine neue Phase in der Unternehmensgeschichte. Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Endgeräte, ob Set-Top-Box oder Fernseher mit DVB-C-Tuner, konnten Kabelnetzbetreiber durch die Packetierung und Vermarktung von Fernsehprogrammen Zusatzerlöse erzielen und eigene Kundenbeziehungen zu Nutzern aufbauen, die sie bisher nur vom Hörensagen kannten. Parallel führte die Aufholjagd beim Internet-Zugang das Koaxialkabel rasch auf die Überholspur; die Double-Play-Angebote der Kabelnetzbetreiber aus Internet und Telefonie waren in Sachen Übertragungsgeschwindigkeit und Preis unschlagbar – und sind es heute noch.

Schon die Wortwahl „Double Play“ zeigt, dass der traditionelle Teil der Tätigkeit der Kabelnetzbetreiber, die Weiterverbreitung von Fernsehprogrammen, zumindest marketingmäßig ins Hintertreffen geraten ist. Eigentlich hätte ich ja „Triple Play“ sagen müssen; immerhin war der Dreiklang „Fernsehen, Internet und Telefonie“ jahrelang kongressprägend. Aber an den Webpages von Kabel Deutschland, was jetzt Vodafone heißt, und Unitymedia, was noch Unitymedia heißt, können Sie mühelos ablesen, dass zuerst Internet und Telefonie beworben werden.

Und zwar aus gutem Grund: Immer mehr Menschen nutzen Netflix und Amazon Prime, Magine und Zattoo, BILD plus und Mediatheken. Für sie sind „Streaming“ und „on demand“ das Fernsehen der Zukunft. Zeitversetzt und unterwegs fernsehen, Empfehlungen folgen, das TV-Erlebnis kommentieren, das alles geht ihnen in Fleisch und Blut über. Neue Fernsehkunden gewinnen Kabelnetzbetreiber daher letztlich nur, wenn sie ihre Kunden davon überzeugen, dass das Kabel diese neue Art des Fernsehens zusammen mit klassischen Rundfunkkanälen auf komfortable Weise vereint. Nur dann ist das Kabel in Sachen Fernsehen auf Dauer attraktiv.

Um dorthin zu gelangen, müssen Kabelnetzbetreiber Over-the-Top-Dienste, die ihnen bislang nur Kosten bereiten, adoptieren und tarifieren.

Reden wir, das ist ungefährlich, zunächst mal übers Adoptieren. Im Musikbereich macht uns gerade Aldi vor, wie man mithilfe eines eher nachrangig positionierten Anbieters, nämlich Napster, spät in einen Markt eintreten kann, von dem viele glaubten, er sei längst an Spotify, Deezer, Apple und Google vergeben. Auch in anderen Medienbranchen gibt es immer wieder „late adopter“, die plötzlich mit neuen Ideen oder Geschäftsmodellen kommen und zu „shooting stars“ werden, denken Sie nur an die Aggregatoren, die gerade versuchen, Print zu monetarisieren, nachdem Paywalls wohl nicht ganz glücksbringend sind.

Wer sich die Planungen der internationalen Kabelnetzbetreiber ansieht, kann bereits solche Adoptionsmodelle im TV-Bereich erkennen. Dazu gehört beispielsweise, Bestandskunden zu ermöglichen, die abonnierten heimischen Kabelkanäle auch unterwegs und dort zu nutzen, wo es keinen Kabel-, aber einen Breitbandanschluss gibt. Ich halte das für eine gute Idee: Damit wird der Kabelnetzbetreiber selbst zum Over-the-Top-Dienst, warum nicht? Auch die Integration von broadcast und on demand am Fernseher, das Angebot, Sendungen netzseitig hardwarelos aufzuzeichnen, die Programmierbarkeit der TV-Nutzung von unterwegs, die Personalisierung, das zielgerichtete Anbieten von Sendungen nach dem Amazon-Prinzip „Kunden, die im Free TV A sahen, kauften auf unserer Pay-Plattform auch B“, das alles sind Bausteine zur Adoption der neuen Entwicklung.

Kabelnetzbetreiber müssen die neue Fernsehfunktionalität in ihre Angebote integrieren. Ob allerdings kleine und mittelgroße Kabelnetzbetreiber diese Adoption, diesen Sprung ins neue Fernsehen, so schaffen, dass es mit den Over-the-Tops mithalten kann, wage ich zu bezweifeln. Ohne Größe geht es wohl nicht.

Jetzt zum heiklen Teil von „Adoptieren und Tarifieren“, nämlich zum Tarifieren. Damit ist gemeint, dass Kabelnetzbetreiber Vereinbarungen mit den Unternehmen schließen dürfen, die Netze in besonderem Maße nutzen. Das ist in anderen Bereichen ganz normal. Niemand kann auf dem Schienennetz der Bahn Güterzüge bewegen, ohne dafür ein Trassenentgelt zu zahlen. Kein LKW fährt in Deutschland über die Autobahn, ohne Maut zu entrichten. Kein Tourist nutzt die Fähre nach Norderney ohne Fahrkarte. In keinem dieser Fälle gilt das Prinzip „Porto zahlt Empfänger“. Das alles spielt sich nach dem Modell Leistung – Gegenleistung ab. Der Infrastrukturanbieter managed die Transportleistung und stellt sicher, dass die Infrastruktur die notwendige Qualität hat. Und dafür bekommt er Geld.

Sie merken schon: „Managed services“, „quality of service“, ich bereite für Sie gerade die Begriffe vor, die derzeit in Brüssel eine Rolle spielen. Am Ende der noch andauernden Diskussion um Netzneutralität steht nämlich aller Voraussicht nach glücklicherweise nicht allein „best effort“. Mit „best effort“, von entgelterhöhungsagnostischen Konsumenten mehr schlecht als recht finanziert, erreicht Deutschland nicht die Netzqualität, die wir uns alle erhoffen. „Best effort“ ist die Vorstufe zum beschränkt leistungsfähigen Netz, in dem „Drosselung“ notwendig wird. Dass die Konzerne dieser Welt die Wertschöpfer zwischen Ziel und Quelle ausblenden und fehlerfreie Netze einfach voraussetzen, kann keinen Bestand haben – und erst recht nicht, wenn wir über das Internet der Dinge reden, über medizinische Anwendungen oder das selbstfahrende Auto, das während der Fahrt Daten erhält.

Over the Top Anbieter können Netze nicht länger als kostenlose Verkehrswege benutzen. Diskriminierungsfreiheit, das Verbot, eigene Angebote zu begünstigen, das Gebot, untarifierte Angebote nicht unfair zu behandeln, all das wird es natürlich geben müssen. Aber es wird möglich werden müssen, dass zum Entgelt am Ziel bei besonderer Netznutzung künftig das Entgelt an der Quelle hinzukommt. Wer allerdings einen solchen Anspruch durchsetzen will, muss ein Netz besitzen, auf das man nicht verzichten kann. Und das setzt Größe voraus.
Ich meine: Angesichts der allenfalls geringen Steigerbarkeit von Entgelten für Internet und Telefonie können Kabelnetze ihre Wirtschaftlichkeit langfristig nur dann behalten, wenn sie hohe Investitionen in Bandbreite mit mindestens ebenso hohen Diversifikationserlösen ausgleichen. Das ist meine These.

Das gilt übrigens auch für andere Branchen. Nehmen Sie die großen Fernsehsender. Sie haben in den letzten Jahren völlig richtig auf die Herausforderungen der Märkte reagiert.

Problem: Mehr Kanäle, mehr Sender, mehr Konkurrenz.
Lösung: Die Kanäle mit Beibooten selbst besetzen. Investieren und diversifizieren.

Problem: Sinkende Werbeumsätze.
Lösung 1: Erlöse außerhalb des Medienbereichs erzielen; sie erreichen zum Teil schon 30 Prozent des Gesamtumsatzes.
Lösung 2: HDTV nur als Pay TV verbreiten.

Problem: DVB-T ist zu teuer.
Lösung: DVB-T2 einführen, aber gegen Entgelt.

Problem: Nachrichten machen ist aufwändig.
Lösung: n-tv kaufen.

Das Ganze wird natürlich von den Senderfamilien getrieben. Sie definieren, wie groß das Spielfeld ist. Ihr Rezept heißt: Wachstum, Expansion, Diversifikation.

Schauen wir uns an, was die Zeitungen machen. Wenn Sie heute hier in Leipzig beim Frühstück die Leipziger Volkszeitung aufgeschlagen haben, dann haben Sie Artikel gelesen, die von einer Zentralredaktion stammen und auch in den Dresdner Neuesten Nachrichten, dem Göttinger Tageblatt, der Hannoverschen Allgemeine, den Lübecker Nachrichten, der Märkischen Allgemeine, der Hannoverschen Neuen Presse, der Deister- und Weserzeitung, den Kieler Nachrichten, der Neuen Westfälischen und 26 weiteren Zeitungen abgedruckt sind. Wortgleich wohlgemerkt. In diesem Fall ist nicht das Unternehmen groß, aber das Produkt.

Oder gemeinsame Firmen treten in Aktion. Gerade haben sich 30 Verlage zu einer gemeinsamen Anzeigengesellschaft zusammengeschlossen; weitere große Häuser sollen sich beteiligen dürfen. In der bisherigen kleinteiligen Struktur sind tatsächlich viele Chancen verloren gegangen. So ist zum Beispiel fast das ganze Rubrikengeschäft bei Branchenfremden gelandet, von Stellen über Immobilien bis Kfz.

Beim Bundesverband der Zeitungsverleger plant man gerade eine Reform, von der gesagt wird, dass der Verband stärker auf die großen Verlage zugeschnitten wird.

Daneben gibt es bei den Zeitungen aber auch immer wieder Übernahmen, zum Beispiel die zwischen den Westfälischen Nachrichten unter der Münsterschen Zeitung.

Auch die Unternehmen der Wohnungswirtschaft, mit denen Sie zu tun haben, werden immer größer. 350.000 Wohnungen von Annington-Gagfah, 250.000 Wohnungen von LEG und Deutsche Wohnen, das spricht schon eine deutliche Sprache. Aber auch kleinere Unternehmen streben gemeinsam Größe an. Es ist ja fast grotesk: Vor Jahren hatte ein Kabelnetzbetreiber mehrere Wohnungsunternehmen als Kunden. Heute kann es durchaus umgekehrt sein. Dass diese größeren Einheiten natürlich erhebliche Nachfragemacht haben und die glückliche Zeit der Kabel-Vertriebler vorbei ist, wissen Sie selbst. Und die Wohnungsunternehmen haben immer mehr Experten für den Telekommunikationsbereich. Sie wissen genau, wie sie ihre Wohnungen mit hochwertigen und zukunftssicheren Netzangeboten aufwerten, und holen sich Anbieter ins Haus, mit denen Kabelnetze bislang nicht gerechnet haben.

Was Diversifikation konkret heißen kann, zeigt John Malone. Liberty Global hat insgesamt mehr als 25 Millionen Kunden, die im Schnitt für 2,05 verschiedene Produkte zahlen. Daraus generiert Malone einen Cashflow von 2,1 Milliarden US-Dollar. Pro Quartal.

Einen Teil davon, 1,3 Milliarden Euro, hat er kürzlich bezahlt, um den belgischen Kabelnetzbetreiber Telenet von 900.000 auf 4,2 Millionen Kunden hochzuhieven – durch Zukauf des Mobilfunkbetreibers Base. Damit kann Liberty nun Infrastrukturen kombinieren, die Kosten für Customer Care reduzieren, Paketangebote schnüren und zudem Inhalte über alle Netze vermarkten, ohne jemanden fragen zu müssen. Das Hauptargument dabei heißt: Nahtlose Konnektivität. Vom Smartphone übers Kabelnetz ins Festnetz telefonieren und vom Festnetztelefon über die GSM-Verbindung ins Mobilfunknetz. Das ist durchaus wünschenswert. Wenn Telenet und BASE denn bereit sind, genau die Teile des jeweiligen Tarifwerks zu überarbeiten, die bisher so schöne Deckungsbeiträge gebracht haben.

Diese Ideen werden wohl auch ausschlaggebend dafür sein, dass Vodafone und Liberty intensiv darüber gesprochen haben, sich wechselseitig in Märkten so zu stellen, dass ein Quadruple Play möglich wird. Denn beide Unternehmen vertreten die Auffassung, dass die Gleichung Wachstum = Kabelnetz plus Kabelnetz bald etwas anders zu formulieren sein wird: Wachstum = Kabelnetz plus Netz. Oder Wachstum = Netz plus Kabelnetz.

Sprechen wir auch noch kurz über Forschung und Entwicklung, Marktbeobachtung und Trendscouting, Technologiebewertung und Startup-Inkubation. Viele Unternehmen haben diese Bereiche eklatant vernachlässigt. In Deutschland fallen mir aus der jüngsten Vergangenheit Loewe und Metz ein, international Nokia, Microsoft und Blackberry. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die alles ins Wanken bringen. Eine Regulierungsmaßnahme wie der Routerzwang, ein Konzept wie Open Cable, eine Entscheidung des Kartellamts wie beim Videodienst Germanys Gold, eine gelungene Oberfläche, ein erfolgreich aufgebauter Nimbus. Manchmal sind es Einzelpersonen, die die Geschäftsmodelle einer ganzen Branche einstürzen lassen.

Wer hätte gedacht, dass TransferWise den Banken einmal den internationalen Zahlungsverkehr streitig macht? Dass ein einzelner Mann bewirken konnte, dass Sie zu Hause mit 3D-Druckern Gegenstände herstellen können, bis hin zur Karosserie eines PKWs? Wer hätte prognostiziert, dass sich der Betrag der Ausschüttungen von Apple an App-Entwickler mal auf 25 Milliarden Dollar summieren würde? Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein einzelner YouTuber vier Millionen Zuschauer erreichen kann?

Wer in einer Welt des Wandels mithalten will, muss sich Inkubatoren leisten und startups finanzieren, Mitarbeiter ins Silicon Valley schicken, Nutzern exakt zuschauen, Dienste testweise einführen, neue Preismodelle entwerfen, Unbequemlichkeiten analysieren, Usability schaffen, Marken aufladen. Research, Development, effektives Marketing für neue Produkte – auch das ist etwas, was vor allem Große schaffen.
Kabelnetzbetreiber werden auf hohem Niveau nur dann erfolgreich sein, wenn sie

erstens in Bandbreite, auch die Glasfaser, investieren
zweitens ihr Fernsehangebot deutlich modernisieren
drittens Over-the-Top-Angebote an der Quelle tarifieren
viertens mit der Wohnungswirtschaft auf Augenhöhe verhandeln
fünftens Kundenbindung durch Produktvielfalt schaffen
sechstens netzübergreifende Angebote unterbreiten
und siebtens Märkte selbst revolutionieren, ehe andere es tun.

Ich muss abschließend zwei Einschränkungen machen. Auch die großen Netzbetreiber haben das alles nicht immer geschafft. Dies gilt insbesondere für ihr ursprüngliches Kernprodukt. Der Vorteil des Kabels, Broadcast- und Punkt-zu-Punkt-Verbindungen miteinander zu verknüpfen, ist ewig nicht genutzt worden. Die IP-Welt wurde lange vernachlässigt. Elektronische Programmführer? Portale auf dem Screen? Virtuelle Videorecorder? Das haben immer die anderen gemacht. „Video on Demand“ war zeitweise die einzige Innovation, die Kabelnetzbetreiber auf Kongressen vorführen konnten. Deswegen ist Konsolidierung auch kein Wert an sich. Konsolidierung ist nur dann sinnvoll, wenn sie Innovationen ermöglicht, Investitionen erleichtert und Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Konsolidierung kann auch für die Katz sein, manchmal ist sie sogar kontraproduktiv.

Die zweite Einschränkung hängt damit zusammen: Es gab eine Zeit, da haben Finanzinvestoren Größe wegen der Aktienkurse, wegen der übernahmebedingt steigenden Kundenzahlen und wegen der Erhöhung des Kaufpreises im Fall der eigenen Übernahme angestrebt. Das kommt gelegentlich heute auch noch vor, aber bei weitem nicht mehr so häufig. Deswegen ist bei Fusionen immer zu fragen: Welche nachhaltigen Kundenbindungswirkungen treten damit ein? Welche technologischen Hindernisse werden dadurch beseitigt? Was wird nun in Sachen Marketing möglich, was früher unmöglich war? Und welche Visionen für die Kerngeschäfte des Kabels werden damit realisiert? Wenn Gesprächspartner am Verhandlungstisch mit diesen Fragen nichts anfangen können, sondern eher über Parameter aus der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre sprechen wollen, sind wahrscheinlich Finanzindikatoren Treiber des Gedankens. Das ist nicht Konsolidierung, wie ich sie meine.

Egal, ob einzeln, im Kooperationsverbund, als Teil einer größeren Einheit oder als Asset in leistungsfähigeren Unternehmen: Die Infrastruktur, die Sie seit 1982 geschaffen haben, ist, 33 Jahre später immer noch aktuell. Wir haben das damals im Deutschen Bundestag so nicht geplant. Für uns war das Kabel ein schnell verwirklichbarer Rundfunkverbreitungsweg, von dem wir annahmen, er überbrücke nur die Zeit bis zum Integrierten Glasfaser-Fernmeldeortsnetz, dessen Planungen damals schon begonnen hatten. Eine Dekade, vielleicht zwei, hatten wir gedacht. Aber das Kabel wurde besser und besser. Es ist nun doppelt so alt. Und hat als starkes Netz mit vielfältigen Anwendungen bessere Zukunftschancen als je zuvor.

Vielen Dank.


Ausgewählte Reden von Werner Lauff

31.05.2011. Change. Vortrag beim Kongress „Zeitung online“ von BDZV und WAN-IFRA am 31. Mai 2011 in Potsdam

27.01.2011. Das (TV-) Universum dehnt sich aus. Vortrag beim BLM-Symposium „Bezahlfernsehen – sein Wert, sein Preis“ am 27. Januar 2011 in München. Hier die Videoaufzeichnung.

15.09.2010. Lesen, Erfahren, Erleben. Rede beim Jahreskongress 2010 des Bundesverbandes Presse-Grosso am 15. September 2010 in Baden-Baden

20.05.2010. E-Publishing für Verlage – Worauf es ankommt. Vortrag beim Fachtag „E-Publishing – Positionierung auf neuen Plattformen“ des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger am 20. Mai 2010 in Berlin

13.05.2009. Medien 2015 – Technologien, Nutzer, Märkte. Vortrag beim Treffen der Alumni des Studiengangs Medienmarketing der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing (BAW) am 13. Mai 2009

24.09.2008. Der Zuseher am Drücker. Vortrag bei den Österreichischen Medientagen am 24. September 2008 in Wien

03.06.2008. The Power of Speech. Vortrag bei einer Veranstaltung für den Führungsnachwuchs der Bertelsmann AG am 3. Juni 2008 in Berlin

26.04.2007. In der Ferne liegt die Kraft. Vortrag bei einer Veranstaltung der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien am 26. April 2007 in München

19.02.2007. Offene Kanäle – Ein Zukunftsmodell. Vortrag bei der „Tagung Bürgermedien“ der Medienanstalt Sachsen-Anhalt und des Landesverbandes Offener Kanäle Sachsen-Anhalt e.V. am 19. Februar 2007 in Magdeburg

23.11.2006. Fernsehen im Wandel der Zeit. Vortrag beim festlichen Jahresessen des Landesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen Berlin/Brandenburg e.V. am 23. November 2006 im Grand Hotel Esplanade, Berlin

21.09.2005. Fernsehmarkt im Umbruch: Die deutsche Entwicklung. Rahmenbedingungen, Technologien und Potenziale. Vortrag bei der Fachtagung „Fernsehmarkt im Umbruch – Digitalisierung, Spartenkanäle und die Zukunft der TV-Vollprogramme“ der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in Kooperation mit dem Adolf-Grimme-Institut am 21. September 2005 in München

25.02.2005. Auf dem Weg zur Breitband-Normalität? Vortrag bei der Veranstaltung „Breitband für den Mittelstand“, Deutsche Medienakademie Köln, IHK Köln und Bitkom, 24. Februar 2005 in Köln

22.06.2004. Digitalisierung in Deutschland. Vortrag beim Medienforum NRW am 22. Juni 2004 in Köln

11.10.2003. Für eine Bürgermedienpolitik. Eröffnungsvortrag des Bürgermedien-Kongresses am 11. Oktober 2003 in Magdeburg

30.08.2003. Fernsehen und Demokratie im Wandel der Zeit. Vortrag beim 10. Jahrestreffen Offene Kanäle am 30. August 2003, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

25.11.2002. Mehr als Gigabyte-Download. Einführungsvortrag zur ersten Veranstaltung des Medien- und IT-Rats in Zusammenarbeit mit der Medienakademie Köln, 25. November 2002, Köln

21.06.2002. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Impulsreferat beim Medienforum NRW am 21. Juni 2002 in Köln

07.11.2001. Alles easy? Super prima? Oder nicht?. Referat beim Gesprächsforum der LPR Hessen am 7. November 2001 in Frankfurt

28.06.2001. Opportunity Windows in the German Media Market. Vortrag bei einer Veranstaltung von KPMG und The German Commissioner, 28. Juni 2001, New York [english]

20.06.2001. Vom Netzegeschäft zum vernetzten Geschäft. Was morgen anders ist (III). Arthur Andersen Mediengespräche, 20. Juni 2001, Köln

11.05.2001. Regulierung und Deregulierung im digitalen Zeitalter. Rundfunkinstitut der Universität Köln, 11. Mai 2001, Köln

02.05.2001. Go ahead and innovate! Rede bei der CWM Global Conference, 2. Mai 2001, London

02.04.2001. Zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Jörg Hennig – Was morgen anders ist (II), 2. April 2001, Hamburg

13.12.2000. Das Hotel. Weihnachtsfeier der Bertelsmann Broadband Group, 13. Dezember 2000, Köln

08.12.2000. The Broadband Application Pentagon. Transatlantic Dialogue, 8. Dezember 2000, Düsseldorf

22.05.2000. Fernsehen und Internet im Century C. FKTG, 22. Mai 2000, Braunschweig

10.04.2000. Content and Context in Century C. MIP-TV Opening Speech, 10. April 2000, Cannes

18.10.1999. Konvergenz – Das Entwicklungsszenario. Medientage, 18. Oktober 1999, München